Leseprobe aus Kapitel 27:

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Sie machte ein paar Schritte vorwärts an das Ufer. Das dahinströmende Wasser war so klar, daß sie den Grund sehen konnte. Große Steine, die wie Schildkrötenpanzer aussahen, bildeten einen fast geraden Weg durch den Fluß. Sie zog ihre Schuhe aus, hielt mit einer Hand ihren Rock hoch und setzte einen Fuß ins Wasser. Erfrischend kühl umspülte es erst ihre Knöchel, ihre Waden und reichte ihr dann bis zu den Oberschenkeln. Der Saum ihres Rockes berührte die Wasseroberfläche und färbte sich dunkel, während Virginia über die glitschigen Steine balancierte. Heiß brannte die Sonne auf ihren ungeschützten Kopf, und das andere Ufer schien noch viel zu weit weg zu sein. Schließlich wurde das Wasser seichter. Sie warf ihre Schuhe voraus, stieg aus dem Fluß und ins hohe Gras.
Virginia riß trotz der blendenden Sonne die Augen auf. Ein nie gekanntes Glücksgefühl durchströmte sie.
Die weitläufige Wiese war übersät von gräsernen Piktogrammen. Kreise mit unterschiedlichen Durchmessern. Kleine und große Formationen, die Tieren glichen. Virginia war überwältigt von der Vielzahl und Schönheit der Figuren, die sich deutlich im wilden Gras abzeichneten.
Und jetzt erkannte sie die Bedeutung des Amuletts, das sie trug. Die alte Indianerin hatte es ihr nicht nur als Glücksbringer, sondern auch als eine Art Wegweiser überlassen. Die Mythen der Athapasken überlieferten nichts anderes als die Wahrheit. Die Wahrheit über die Anziehungskraft des Flusses und die Geschehnisse an dessen Ufern.
Ein hydraulisches Geräusch, das Virginia an eine Autowerkstatt erinnerte, vermischte sich mit dem friedlichen Plätschern des Flusses. Eine Wagentür wurde zugeschlagen, und ein trockener Ast zerbrach auf dem Waldboden, als wäre jemand darauf getreten.
Panik riß Virginia herum.
Auf der anderen Seite des Flusses stand ein dunkler, großer Wagen. Der sonnenbebrillte Mann daneben, der mit der rechten Hand in seine Jacke griff, grinste. »Wie wär's mit einer Spritztour, Miss?«
Als wäre die Zeit fast stehengeblieben, sah Virginia, wie aus der Jacke des Mann langsam eine Pistole zum Vorschein kam. Nein, das passiert nicht wirklich. Ich träume bloß, das ist alles nur ein Traum!
Blut rauschte in ihren Ohren wie ein aufgewühltes Meer, so daß sie kaum noch etwas anderes hören konnte, nur ihre eigene dumpfe, innere Stimme, die um Hilfe flehte, obwohl sie genau wußte, daß das sinnlos war. Hier hört dich kein Mensch. Silver Valley ist noch einige Meilen entfernt, du kannst schreien wie du willst, Mädchen, das nützt dir gar nichts. Kannst dich schon mal verabschieden. Wenn das stimmt, was alle sagen, triffst du Mummy gleich hinter dem Scheunentor und kannst mit ihr eine Tasse Earl Grey trinken. Vielleicht auch zwei.
Dann zielte der Mann auf Virginia und drückte ab. Wie ein brennender Pfeil bohrte sich die Kugel in ihr linkes Bein. Sie schrie auf und sank wimmernd zu Boden. Hellrotes Blut quoll aus ihrem Unterschenkel und färbte das Gras.
Vor Virginias Augen begann es zu flimmern. Sie konnte gerade noch erkennen, daß der Mann, dessen Schuhe auffallend in der Sonne glänzten, mit einem zufriedenen Grinsen wieder in das Auto stieg und in den Wald hineinfuhr...